Schloss Esting

Auf Schloss Esting in der Stadt Olching bei München wohnten Gertrauds ältester Bruder Gottfried und seine Familie. Der Ort steht exemplarisch dafür, wie Gertraud Werke der Barmherzigkeit übt:

Die Kranken besuchen, die Trauernden trösten!

Auch hier handelt sie nach dem Motto ihrer Jugendzeit, von dem ihr gesamtes Leben profiliert wurde: Serviam – dienen will ich. Ihr Bruder hatte sich in seinem Militärdienst während des Ersten Weltkrieges, wie unzählige damals, eine schwere Tuberkulose zugezogen. Gertraud wusste bereits, dass auch in ihr dieses Kriegsleiden sein vernichtendes Werk begonnen hatte. Dennoch stellt sie sich dem Pflegedienst des todkranken Bruders.

Sie schreibt nüchtern: „Ich glaube nicht, dass er noch mal hochkommt… die Ärzte wollen schon nimmer den Weg über Land machen, weil nichts mehr zu hoffen und zu retten ist.“ Gertraud bleibt dem jungen Familienvater bei seinem schweren Leiden und Sterben helfend zur Seite, obwohl sie ein ähnliches Ende befürchten muss. Sie fühlt sich in ihre Angehörigen ein und möchte für sie da sein: „Meine Schwägerin und das Büblein“, der fünfjährige Neffe, „tun mir so leid. Auch Vater ist so niedergedrückt. Es ist schwer, Mann und Vater in so jungen Jahren scheiden zu sehen. Es bleibt eine Lücke, die keine Zeit ausfüllen kann, eine Wunde, die auch Jahre nicht heilen.“ Den Mehrwert christlichen Glaubens, der sie selbst trägt, den können ihre Angehörigen nicht teilen. „Was mir Kraft und Trost ist, das ist ihr fremd und da bin ich hier, um zu helfen und zu trösten und kann es doch nicht. Die Worte, die mir aus dem Herzen strömen würden, darf ich nicht sagen und andere find ich nicht.“ Feinfühlig erspürt Gertraud, wie sie ihrer jungen Schwägerin dennoch beistehen kann und das Andenken ihres Bruders ehren kann. „Ich fühle, dass sie mich braucht…, wo sie es nötig hat, selbst umhegt und umsorgt zu werden. Ich wäre schon zurück nach Augsburg, wenn (ihre) stille und immer tiefer dringende Trauer mich hier nicht hielte.“ Gertraud hört zu, wenn ihre Schwägerin aus früheren besseren Zeiten ihrer Partnerschaft erzählt. Gertraud erzählt ihrer Schwester, dass ihre junge Schwägerin sich über alles freut, was sie Schönes mit ihrem Mann erlebt und jedes Liebe, das sie ihm erweisen durfte. Sie habe Gertraud gesagt: „Wie wohl ist es, wenn eines um mich sorgt“ und habe ihr unversehens über die Wange gestrichen. Nähe, Verstehen, Mitfühlen, Dasein, Zuhören – so sieht trösten aus, wofür Gertraud ein sprechendes Zeugnis gibt, auch wenn vieles nicht gesagt werden kann. Wer sich selbst von Gott getröstet erfährt, kann trösten auch ohne Worte. Trösten ist mehr als vertröstende Worte, das sind Zeichen einfühlsamer Nähe und einfach da sein.